Das Bauhaus der Erde

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Nachhaltig bauen mit Holz


In unserer Gemeinde trafen sich international anerkannte Persönlichkeiten der Klimafolgenforschung und setzten richtungweisende Impulse – wenn das kein Aufruf ist, die Erkenntnisse auch bei uns vor Ort in die Tat umzusetzen!

Genau 100 Jahre nach der Gründung des Bauhauses haben sich in Caputh ein breites Spektrum von Gleichgesinnten versammelt, um der doppelten Krise der Ungleichheit und des Klimawandels zu begegnen. Gemeinsam streben sie danach, die Keimzelle einer globalen Bewegung zu sein, deren Ziel es ist, eine gebaute Umwelt zu schaffen, die ökologisch nachhaltig und sozial integrativ ist.

Im Folgenden die Erklärung, die wir mit Genehmigung der Bauhaus der Erde gGmbH wiedergeben:


Die Erklärung von Caputh

Der Umzug der Menschheit (WBGU 2016) ist in vollem Gange. Für viele Frauen und Männer im
vorindustriellen Europa des 18. Jahrhunderts standen Wiege und Sterbebett noch unter demselben Dach. Im 21. Jahrhundert führen die meisten Lebenswege über zahlreiche Stationen von Haus zu Haus, vom ländlichen Raum in die Stadt, vom Mittelzentrum in die Metropole, vom Heimatstaat ins Nachbarland, von Kontinent zu Kontinent. Die Sesshaftigkeit, die in der Neolithischen Revolution vor gut 10 000 Jahren unsere Zivilisation hervorgebracht hat, ist einer globalen Unrast gewichen, welche Milliarden Menschen durcheinander, zueinander, auseinander führt. Und selbst diejenigen, die vor Ort verharren, bauen sich, wenn irgend möglich, eine neue Unterkunft.

Dabei hat der größte aller Beweger, der menschengemachte planetare Klimawandel, noch kaum begonnen, seine Kräfte auszuspielen: Bei ungebremster Erderwärmung werden die flachen Küstenzonen untergehen, die Permafrost-Gebiete im Schlamm versinken, die Flanken vieler Gebirge abrutschen, die Wüsten sich verschieben und die inneren Tropen zur feuchtheißen Hölle werden. Doch selbst wenn sich der Klimawandel im Pariser Korridor (lediglich 1,5-2°C Erhöhung der globalen Mitteltemperatur) stabilisieren lassen sollte, wird sich uns die historisch beispiellose Aufgabe stellen, Hunderte Millionen Menschen auf friedliche und humane Weise anders im Raum zu verteilen und zu behausen.

Damit die Zivilisation nicht nur überleben, sondern sich sogar divers und solidarisch weiterentwickeln kann, müssen wir also eine neue Ganzheitsbetrachtung der gebauten Umwelt vornehmen. Obwohl das Gebaute konstitutiv für die materielle und kulturelle Wirklichkeit jeder Gesellschaft ist, wird es bisher aus nahezu allen Nachhaltigkeitsdiskursen ausgeklammert – wenn wir von Banalitäten wie Fassadendämmung, Dachphotovoltaik und Nachverdichtung der Stadtkerne einmal absehen.

Dass die Elektrizität grün werden muss, dass die Stahlerzeugung klimaneutral sein sollte, dass der
Verbrennungsmotor schleunigst ins Technikmuseum gehört, dass die industrielle Landwirtschaft eine zivilisatorische Verirrung darstellt, ja sogar, dass sich die Tourismusbranche auf den Weg zurück zur Natur machen sollte: Dies alles wird inzwischen als nahezu selbstverständlich in den Szenarien zur „Großen Transformation“ in Richtung Zukunftsfähigkeit erwogen, wenn nicht vorausgesetzt. Aber die bemerkenswerte Tatsache, dass allein der gegenwärtig weltweit geplante Hoch- und Tiefbau den Großteil des verbleibenden Kohlenstoffbudgets der Menschheit aufzehren dürfte, wenn die entsprechenden Konstruktionen mit den herkömmlichen Materialien und Techniken durchgeführt würden, ist Politik und Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. In völliger Verkennung der Problemdimension wird allenfalls über Abwrackprämien für Ölheizungen aus der Nachkriegszeit gestritten.

Doch selbst wenn es kein Klimaproblem gäbe, wäre der Blick auf die gebaute Moderne ernüchternd: Niemals zuvor in der Zivilisationsgeschichte ist mit so großem materiellen und energetischen Einsatz so viel nichtssagende Dysfunktionalität aus dem Boden gestampft worden. Die meisten Elemente dieser künstlichen Welt verrotten bereits; dagegen werden uns Plastik- und Plutoniummüll über Jahrzehntausende in die Zukunft begleiten. Die Ressourcen, aus denen sich der Neubau der Kontinente nach dem 2. Weltkrieg – im explosiv wachsenden Amerika, im wiedererwachenden Asien, im großflächig zerstörten Europa, im juvenilen Afrika – speiste, beginnen nun zu versiegen; selbst der für die Betonmischung geeignete Sand wird knapp. Vieles was missraten ist, erklärt sich aus den jeweiligen zeitlichen Umständen und geographischen Bedingtheiten. Aber dass sich die oft triviale und lebensfeindliche Architektur der jüngeren Moderne für ihre ideengeschichtliche Rechtfertigung aus dem kulturellen Programm des vor genau 100 Jahren in Weimar gegründeten „Bauhauses“ bedient, ist ein tragischer Witz:

Denn das Bauhaus förderte durch experimentelle Methoden das kreative Potential des Menschen.
Sein explizit humanistisches Ideal forderte das „organische Gestalten, Vermeidung alles Starren, Bevorzugung des Schöpferischen, Freiheit der Individualität“ (Gropius) – also das Gegenteil von brutalistischem Hochbau. Man wollte insbesondere „von der Natur lernen“ (Klee). Walter Gropius verabscheute die Vorstellung, dass seine Schüler „nur so eine Art von Gropius-Architektur“ produzieren würden. Jeder sollte vielmehr „das in ihm hervorbringen, das in ihm steckt.“

Gewiss, die Wirklichkeit am Bauhaus wurde dem humanistischen Ideal nicht immer gerecht, die Diskurse und Aktivitäten waren männlich dominiert, das ursprüngliche holistische Programm wurde in späteren Jahren verengt. Generell war das Bauhaus keine einheitlicher Block, sondern eine heterogene Bewegung. Obwohl diese Bewegung in Deutschland 1933 endgültig von den Nationalsozialisten zerstört wurde, leben ihre Ideen an vielen Orten weiter, besonders in Übersee. Allerdings ohne organisierendes Zentrum, ohne echte intellektuelle Heimat. Nachdem nun ein ganzes Jahrhundert seit seiner Geburt vergangen ist, wäre es zweifellos an der Zeit, ein neues Bauhaus zu gründen – ein Bauhaus der Erde, das sich allerdings auch völlig neuen Herausforderungen stellen muss.

Denn der Zustand der Welt heute unterscheidet sich radikal vom Zustand im Jahre 1919 – was die Bedingungen der Möglichkeit einer dauerhaften Zivilisation angeht, aber auch was unsere Vorstellungen zur politischen und technologischen Weiterentwicklung des humanistischen Projekts angeht. Mit der Digitalisierung, die mittelfristig durch Quantenrechner weiter beschleunigt werden dürfte, stehen wir ohnehin vor/in einer Kulturrevolution mit unabsehbaren Folgen. Wer also heute Entwürfe für die gebaute Umwelt schaffen will, muss noch größer, breiter und tiefer denken als damals in Weimar, Dessau und schließlich Berlin. Eben dies soll im Bauhaus der Erde geschehen (siehe Gründungskonzept „Bauhaus der Erde – Werkstätten für ein nachhaltiges 21. Jahrhundert“).

Ein Hauptziel aller Baukultur muss das gute Leben der Menschen im Einklang mit der Natur sein. Der Leitbegriff der durch Architektur, Kunst, Design, Manufaktur, Infrastruktur, Stadtentwicklung, Landschaftsgestaltung und Raumplanung nun zu erschaffenden nachhaltigen Moderne könnte deshalb das Organische (bzw. das Natürliche) sein – so wie sich die untergehende industrielle Moderne am Maschinellen ausrichtete. Die neue Leitwissenschaft sollte mithin (statt der Physik) die Biologie bzw. die interdisziplinäre Verbindung unseres besten Wissens sein. Denn die scharfen Grenzen zwischen analytischer, technischer und schöpferischer Intelligenz sind obsolet!

Organisch-natürlich muss sich das Bauhaus der Erde auch in seinen materiellen und virtuellen Dimensionen entwickeln. Insofern wäre es eher kontraproduktiv, heute schon eine detaillierte Blaupause für dieses Konstrukt vorzulegen. Dennoch lassen sich bereits fünf Schlüsselbegriffe identifizieren, nämlich

Material, Form, Funktion, Struktur und Kultur.

Nur zur Illustration sei hier darauf hingewiesen, dass mit der Umstellung von Stahlbeton auf Holz als Baustoff eine globale Kohlenstoffsenke zur Begrenzung des Klimawandels geschaffen werden könnte (Churkina et al. 2020). Und dass das Bauen in Zukunft als Kreislaufwirtschaft organisiert werden muss, welche aus den Wertstoffen alter Häuser neue Häuser formt. Dass die Architektur des Termitenhügels möglicherweise Vorbild für die Formung wohldurchlüfteter Gebäude in einer deutlich heißeren Welt ist. Dass auf dem Planeten der Migranten „funktionale“ Slums nötiger gebraucht werden als Renommierpaläste. Dass die Siedlungsstrukturen im 21. Jahrhundert eher wie lebendige Gewebe als wie tote Schachbretter aussehen sollten. Und dass es an der Zeit ist, die polyzentrische Kultur wiederzuentdecken, welche den sich weiter verschärfenden Widerspruch zwischen dem Urbanen und dem Ländlichen, zwischen der Metropole und der Peripherie aufheben könnte. Denn nicht zuletzt der neue Nationalpopulismus saugt weltweit seine dunkle Energie aus diesen Gegensätzen.

Das Bauhaus der Erde könnte seine Denk-, Lehr- und Werkstätten nach den obigen Begriffen gliedern. Seine Rechts- und Organisationsform muss so einfach wie möglich gewählt werden – aber nicht einfacher, um mit Albert Einstein zu sprechen. Im Laufe einer vitalen Entwicklung wird sich das neue Bauhaus aufgrund seines Anspruchs zu einem internationalen, interkulturellen und innovativen Netzwerk ausbilden. Es soll Wissenschaftler, Architekten, Künstler, Ingenieure, Investoren und Politiker aller Generationen zusammenbringen. Dabei kann der Schwung aktueller Initiativen genutzt werden, wie beispielsweise im Positions-Papier „Haus der Erde“ des Bundes Deutscher Architekten reflektiert.

Aber das Geschöpf braucht auf alle Fälle eine Keimzelle bzw. ein kräftiges Herz. Dieses könnte in Caputh bei Potsdam schlagen, wo sich schon seit langer Zeit Kunst, Wissenschaft und Natur auf anregende Weise begegnen. Dort sollte sich als wesentliches Organ ein Narrativatelier herausbilden, wo im freundschaftlichen Wettbewerb unterschiedliche Erzählungen einer nachhaltigen Moderne und deren Baukultur entstehen. Dort sollte auch eine Begegnungsstätte geschaffen werden, wo leidenschaftlich über eben diese Themen diskutiert werden kann. Und von dort aus sollten schließlich „Tiefendemonstrationsprojekte“ zur Erneuerung der gebauten Umwelt auf den Weg gebracht und konzertiert werden.

Die Unterzeichnenden erklären hiermit, dass sie die Gründung und Entwicklung des „Bauhaus der Erde“ mit der oben skizzierten Zielsetzung ausdrücklich begrüßen sowie nach Kräften und Möglichkeiten fördern wollen.


Caputh, den 16. Dezember 2019

(Konsolidierte Fassung auf der Grundlage der Diskussionen und nachfolgender Kommentare.)

Literatur:
Bund Deutscher Architekten, Bundesverband: Das Haus der Erde. Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land. 2019. https://www.bda-bund.de/2019/08/das-haus-der-erde BDA Position, abgerufen am 14.12.2019

Galina Churkina, Alan Organschi,, Christopher P.O. Reyer, Andrew Ruff, Kira Vinke, Zhu Liu, Barbara K. Reck, T. E. Graedel, Hans Joachim Schellnhuber: Buildings as a Carbon Sink, Nature Sustainability

Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, Der Umzug der Menschheit – Die Transformative Kraft der Städte. 2016. https://www.wbgu.de/de/publikationen/publikation/der-umzug-der-menschheit-die-transformativekraft-der-staedte, abgerufen am 14.12.2019

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