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Wie der Wind sich dreht

Lesezeit etwa: 21 Minuten

Die Windräder auf dem Fercher Dachsberg

© Mit freundlicher Genehmigung Wildpark-West-Heimatzeitschrift der Waldsiedlung

Im Dezember 2019 beschloss die Gemeindevertretung Schwielowsee mit großer Mehrheit, fast einmütig, den Bau von sieben Windenergieanlagen auf dem Fercher Dachsberg. Während die Befürworter auf die Notwendigkeit der Nutzung von erneuerbaren Energien in Zeiten des Klimawandels verwiesen, brachten Vertreter der angrenzenden Orte Glindow, Bliesendorf, Busendorf, Klaistow, Kanin, Fichtenwalde und der Stadt Werder ebenfalls ökologische Gründe ins Spiel. Allerdings gegen den Bau der Windräder.

Foto: Carsten Sicora

Was wiegt in Zeiten des Klimawandels schwerer?

Der Ausbau erneuerbarer Energie oder der Walderhalt? 2020 waren in Brandenburg über 300 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von 870 Megawatt auf Waldflächen in Betrieb. Die geplanten Windenergieanlagen in der Bliesendorfer Heide sollen den jährlichen Strombedarf von über 25.000 Vier-Personenhaushalten decken. Um den dazu notwendigen Windertrag zu erzielen, müssen sie sehr hoch gebaut werden, sie zählen zu den höchsten der Welt.

 

Es ist für uns heute eine Selbstverständlichkeit, das Handy an der Steckdose aufzuladen, den Abwasch dem Geschirrspüler zu überlassen oder in der Hobbywerkstatt die Bandsäge zu gebrauchen. Dabei  ist es nur etwas über einhundert Jahre her, dass der elektrische Strom in den großen deutschen Städten Einzug in die Haushalte fand und mit ihm das elektrische Licht.
Mit der Elektrifizierung kamen nach und nach Geräte dazu, die revolutionär und großflächig das Leben der Menschen erleichterten oder angenehmer machten, wie Radio und Staubsauger (um 1925), Waschmaschine und Kühlschrank (um 1955), Fernseher (vor 1960) oder Mikrowellengerät und Heimcomputer (ab 1980)…
Rasant schnell vollzog sich, trotz des verheerenden Weltkrieges Mitte des letzten Jahrhunderts, die technologische Entwicklung und, damit verbunden, ein immer höherer Verbrauch von Elektroenergie.
Doch diese Entwicklung machte uns auch abhängig von den endlichen fossilen Energieträgern wie Kohle, Erdöl oder Erdgas.
Die Ölkrisen in den 1970er Jahren oder wetterbedingte Blackouts wie im Winter 1978/79 machten deutlich, wie anfällig und abhängig unsere Gesellschaft war und ist. Ab den 1980er Jahren zeigte sich in der öffentlichen Wahrnehmung noch ein weiterer Aspekt: Die ökologischen Auswirkungen beim Kohleabbau und der Energieverwertung. Dörfer und Wälder fressende Tagebaue, Kohlendioxid, welches bei der Verbrennung von fossilen Energieträgern entsteht, die durch Stromerzeugung entstehende Luftverschmutzung und der sich messbar abzeichnende Klimawandel zwangen zum Umdenken und Suchen nach Alternativen.

Atomstrom und Energiewende

Nachdem in Deutschland bereits 1957 in Rossendorf bei Dresden und Garching bei München die ersten Forschungsreaktoren in Betrieb gingen, wurde 1960 das erste Mal in Kahl bei Aschaffenburg Strom aus
einem Kernkraftwerk ins Netz gespeist. Noch im Jahr 2000 betrug der Anteil der Kernenergie an der Bruttostromerzeugung rund ein Drittel.
Doch auf die Frage: „Wohin mit dem Atommüll?“ — seine sinnvolle Wiederaufbereitung oder sichere Lagerung — gibt es bis heute keine befriedigende Antwort.
Im Gegenteil: Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl (1986) und die durch ein Seebeben ausgelöste Kernschmelze in drei Reaktoren von Fukushima (2011) zeigten, dass auch bei friedlicher Nutzung die Kraft
des Atoms zerstörerisch sein kann.

„Das Idealbild
einer Energiequelle, die
praktisch unerschöpflich zur
Verfügung steht und die
nachhaltig das
Energieproblem lösen kann
vor Augen…“

Diese Gefahr und die mit ihr verbundenen gesellschaftlichen Widersprüche ließ die Entscheidungsträger umdenken. Bis 2022 will Deutschland aus der Atomkraft aussteigen. Und auch mit der Kohleverstromung soll aus ökologischen Gründen spätestens 2038 Schluss sein. Was also tun?

Erneuerbare Energien

Noch 1990 machten der durch Verbrennung von fossilen Energieträgern hergestellte Strom mit 65 % und der Atomstrom mit 28% den größten Anteil an der deutschen (Brutto) Stromerzeugung aus.
Der Anteil an Wasserkraft lag unter 4 %, Windkraft, Photovoltaik oder Biomasse spielten praktisch keine Rolle.
Dreißig Jahre später hat sich die Wichtung verschoben: Zwar machen die fossilen Energieträger mit 36 % noch immer den größten Anteil der Stromerzeugung aus, doch hat die Windenergie mit 29 % aufgeholt, gefolgt von der Kernkraft (12 %), Photovoltaik (10 %) und Biomasse (6 %).

Das Idealbild einer Energiequelle, die praktisch unerschöpflich zur Verfügung steht und die nachhaltig das Energieproblem lösen kann vor Augen, begann um die Jahrtausendwende mit Inkrafttreten des „Erneuerbare-Energien-Gesetzes“ (EEG) die Förderung aller als erneuerbare Energie bezeichneten Stromerzeugung.
2015 einigten sich 195 Staaten auf das Pariser Klimaschutzabkommen, um die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen.
Seit 2019 hat auch die Europäische Union (EU) ihren „Green Deal“, das nicht mehr zur EU zählende Großbritannien sowie Teile der USA haben klimaneutrale Ziele bis 2050 formuliert.
Der Druck, genügend Strom zu erzeugen und ihn nicht irgendwo als „schmutzigen“ Kohle- oder Atomstrom in anderen Ländern einkaufen zu müssen, auch um die Energiewende bezahlbar zu gestalten, ist deshalb groß.
Hauptsächlich wird heute auf Wind-, aber auch auf Sonnenenergie, Biomasse und Erdwärme gesetzt. Deren Anteil beträgt über 50 % am deutschen (Brutto)Stromverbrauch. Dabei zeigt sich, dass Solar-
und Windenergie auch keine Allheilmittel sind, solange keine angemessene Lösung einer Speicherung der erzeugten Elektroenergie in Aussicht ist.
Viele Anlagen funktionieren deshalb nur mit Hilfe staatlicher Subventionen. Doch nicht nur erneuerbare Energien oder der Ausstieg aus der Atomkraft werden vom Staat subventioniert, sondern auch fossile Brennstoffe, auf die man augenblicklich noch nicht verzichten kann. Das Rechercheteam „Investigative Europe“ bezifferte im Juli 2020 die jährliche Zuwendung in Deutschland auf 37 Milliarden Euro.

Klimaziele: Um die Vorgaben des Bundes zu erreichen und die Energiewende bezahlbar zu machen, müssten deutschlandweit jährlich rund 4 Gigawatt an erzeugter Strommenge dazukommen. Für Brandenburg würde das einen jährlichen Zuwachs von über 300 MW bedeuten, jedoch zeichnet sich schon jetzt ab, dass 2021 mehr Anlagen zurückgebaut als neu errichtet werden.

Hoch hinaus

Nun hat die Windkraft auch die Kommunalpolitik der Gemeinde Schwielowsee erreicht. Die Gemeindevertreter stellten mit der Ausweisung im Flächennutzungsplan (FNP) 3 % der gemeindlichen Gesamtfläche für den Bau von Windrädern zur Verfügung, Anders als gelegentlich zu hören, bestand dazu aber kein Zwang, da der Regionalplan „Havelland-Fläming 2020″ mit seinem Windeignungsgebiet (WEG 24) „Bliesendorfer Heide“ vom Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg für rechtlich unwirksam erklärt wurde.

Ursprünglich sollten im geplanten Windpark „Bliesendorfer Heide“ 50, dann 40, später noch 18 Windenergieanlagen (WEA) errichtet werden. Doch nachdem sich die Unternehmensgruppe UKA und die Energiegenossenschaft PROKON aus dem Projekt zurückzogen und der neue Betreiber NOTUS inzwischen zusicherte, längstens bis 2023 auch auf ein achtes Windrad zu verzichten (es hätte sich nur 860 m entfernt zur Wohnbebauung in Ferch befunden), sind noch sieben Windkraftanlagen
für das im FNP als Windeignungsgebiet ausgewiesene Areal im Wald am Fercher Dachsberg übrig geblieben.
Die vorgesehenen Windräder vom Typ V150-5.6MW TM werden von VESTAS WIND SYSTEMS, dem weltgrößten Hersteller von Windkraftanlagen, gebaut.
VESTAS ist eine 1945 in Lem (Dänemark) gegründete Firma mit derzeit 23.000 Mitarbeitern und der Erfahrung von über 40 Jahren und rund 66.000 gebauten Anlagen in über 80 Ländern. Mit einer Nabenhöhe von 166 m, einem Rotordurchmesser von 150 m und einer Gesamthöhe von 244 m zählen die geplanten Windenergieanlagen in Ferch mit zu den höchsten der Welt. Neues Wahrzeichen oder Verschandelung der Landschaft? Die Frage ist schwer zu beantworten und hängt wohl auch damit zusammen, welchen Blickwinkel der Betrachter auf das Projekt hat. Die Sichtweisen sind verschieden.
„Das ist ja höher als der Kölner Dom“, entfuhr es überrascht der heutigen Caputher Ortsvorsteherin Kathrin Freundner (parteilos, 53, Schauspielerin), als sie während einer Ausschusssitzung im Herbst 2019 mit der Höhe der Anlage konfrontiert wurde. Ein vom früheren Antragsteller PROKON in Auftrag gegebenes Gutachten beschreibt, dass „das Landschaftsbild durch die WEA überprägt und die Eigenart und Naturnähe der Landschaft erheblich beeinträchtigt“ wird.
Aus Mangel an geeigneten Flächen müssen Betreiber von Windenergieanlagen immer höher hinaus, um in wenig bis mäßigen windhöffigen Gebieten eine wirtschaftlich vertretbare „Windernte“ zu erreichen.
Ferch ist mit etwa 5 m/s mittlere Windgeschwindigkeit in 80 m Höhe genau solch ein Gebiet, wie man beim Betrachten des „Global Windatlas“ erkennt. Das ausgewählte „Windeignungsgebiet“ zählt zu den schwachwindigen Gebieten Deutschlands. Größere Höhen haben deshalb für Windkraftanlagen erhebliche Vorteile. Je höher die Rotorblätter sich drehen, desto mehr Strom kann erzeugt werden. Ab 150 m Nabenhöheist es derzeit möglich, auch wirtschaftlich betrachtet, genügend Wind zu „ernten“.
In diesen Luftströmungsschichten erreicht man unter günstigen Bedingungen fast Verhältnisse wie bei Offshoreanlagen. Für Ferch könnte das in 200 m Höhe schon eine mittlere Windgeschwindigkeit von bis zu 6,6 m/s bedeuten („International Renewable Energy Agency“, 2015), was den Windertrag erhöhen könnte, denn höhere Windgeschwindigkeiten beeinflussen überproportional die elektrische Leistung. Die V150-5.6 MW TM IEC S gilt dabei als Anlage mit guter Leistung an Standorten mit geringen Windgeschwindigkeiten und sollte Ende 2020 in Serie gehen.
Doch „hoch hinaus” steigert nicht nur den Windertrag, sondern auch die Kosten von Bau und Unterhaltung, die man mit Hilfe der Vergütung der EEG-Umlagen als Betreiber wieder hofft, einspielen zu können. Denn machen wir uns nichts vor, gebaut wird nur, wenn es sich lohnt: Für Betreiber, Zulieferer, Serviceunternehmen und die Banken, die die Windanlagen finanzieren. Ohne finanziellen Anreiz wird sich keine Kommune und kein privater Grundstückseigentümer (sieht man einmal von den wahren Idealisten ab) ein „Windrad auf den Hof stellen”.



Ökonomische Anreize

Windkraft und deren mögliche Gewinne motivieren in immer stärkerem Maße Investoren, auch herausfordernde Projekte weiter zu verfolgen. Bei allen wirtschaftlichen Risiken treibt das die Entwicklung der erneuerbaren Energien voran.
Während 2017 noch ein Rekordjahr für die Windbranche war, fehlten auf Grund von gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der Bewohner von Städten und Siedlungen und den Bestimmungen des Naturschutzes in den letzten beiden Jahren Flächen, die als geeignet verfügbar sind. Deshalb sollen Standortgemeinden und die betroffenen Bürger vom Ausbau erneuerbarer Energien profitieren.
Verfolgte man die gemeindlichen Ausschusssitzungen im Vorfeld der Beschlussfassung, verstärkte sich der Eindruck, dass es nicht vorrangig klimapolitische Überlegungen waren, die die Gemeindevertreter dem Bau der sieben Windenergieanlagen zustimmen ließen.
Vertreter des BürgerBündnis Schwielowsee (BBS) führten ins Feld, auf diese Art eine noch größere Anzahl von Windenergieanlagen verhindern zu können.
Da die Gemeinde Schwielowsee nicht gerade zu den Vorreitern im Umwelt- und Klimaschutz zählt, werden also auch wirtschaftliche Gründe eine Rolle gespielt haben: Die Aussicht auf Pacht- und Gewerbeeinnahmen und Einnahmen über das Windenergieanlagenabgabegesetz.
10.000 Euro pro Anlage sollen jährlich in die Gemeindekasse fließen. So argumentierte Matthias Fannrich (64, BBS, Dipl.Ing.), Vorsitzender des Finanzausschusses der Gemeindevertretung im Vorfeld der gemeindlichen Abstimmung für den Bau der Windräder, um die anderen Fraktionen
zu überzeugen.
Doch das ist nicht ganz korrekt. Nach dem Windenergieanlagenabgabegesetz haben auch Umlandgemeinden, deren Gebiet sich ganz oder teilweise im 3 km-Radius der Anlagen befindet, Anspruch auf diese Abgaben. Demnach ergibt sich für die Gemeinde Schwielowsee eine jährliche Einnahme von insgesamt circa 40.000 Euro, etwa 30.000 Euro stehen der Stadt Werder und der Gemeinde Beelitz zu.

Dennoch profitiert Schwielowsee durch Gewerbesteuer und die steuerlichen Einnahmen aus der Wertschöpfung von Bau und Betrieb der Anlagen.
Und da die Wegeführung zum Windpark über kommunale Flächen führt, fließen auch Pachteinnahmen. In einer Ausschusssitzung war genau das hinterfragt worden, da, angeblich, die Pachterträge zu niedrig ausgehandelt waren.
Ein Vorwurf den Ute Lietz, in der Verwaltung für den sachgerechten Umgang mit den Finanzen zuständig, zurückwies. Öffentlich sind diese Zahlen nicht.
Auch sieht die im Dezember 2020 erfolgte Reform des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes – ein Gesetz, das seit 20 Jahren den Ausbau von Anlagen der CO2-freien Energieerzeugung vorantreiben soll – vor, dass Gemeinden vom Windparkbetreiber anteilig pro Kilowattstunde des erzeugten Stromes beteiligt werden. Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes Windenergie, machte sich deswegen schon im Herbst letzten Jahres große Sorgen.
„Windparks sind so nicht mehr finanzierbar.“ Damit Windenergieanlagenbetreiber auf windschwachen Standorten wirtschaftlich aber nicht benachteiligt werden, hat der Gesetzgeber sichergestellt, dass sie die Anfangsvergütung über einen längeren Zeitraum erhalten.
Dadurch soll das Ungleichgewicht kompensiert werden, dass an unterschiedlichen Standorten sehr unterschiedliche Erträge erzielt werden. Und nicht zu vergessen: Auch der private Waldbesitzer, auf dessen Flur ein Windrad steht, profitiert vom Bau der Anlagen.

Strom für ganz Schwielowsee?

NOTUS, ein seit 20 Jahren in unserer Landeshauptstadt ansässiges Unternehmen (mit eigener Musiksendung bei Radio Potsdam), geht als Betreiber der WEA bei einer abrufbaren Leistung von 5,6 MW von einer Jahresproduktion pro Anlage von 15.800 MWh aus. Das entspricht dem Strombedarf von etwa 3.760 Vier-Personen-Haushalten. Mehr klimaneutraler Strom also, als für alle Haushalte der Gemeinde Schwielowsee benötigt werden würde.
Angaben, die jedoch kritisch hinterfragt werden müssen, weil der durch die Windenergie produzierte Strom nur unregelmäßig zur Verfügung steht – nämlich nur dann, wenn der Wind auch geeignet weht. Die tatsächliche Leistung von Windrädern kann deshalb nicht gesichert im Voraus bestimmt werden. Jedoch können vor dem Bau einer Anlage fundierte Jahresbilanzen der Elektrizitätswirtschaft herangezogen werden. Nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) betrug im Jahr 2019 der Stromertrag bei Windenergieanlagen an Land, bezogen auf die installierte Nennleistung, nur 21 %. NOTUS kalkuliert jedoch die tatsächliche Leistung, also den Stromertrag, eines einzelnen Windrads vom Typ Vestas V150/5600 über ein Jahr mit ansehnlichen 32,3 % der installierten Nennleistung. Ein Unterschied, der sich letztlich nicht nur im wirtschaftlichen Endergebnis von Anlegern widerspiegeln kann.
Ein Stromertrag von nur 20 bis 30 % verdeutlicht gleichwohl das enorme Maß der Vorhaltung an installierter Nennleistung und, dass der Windstrom eben nicht rund um die Uhr zur Verfügung steht. Die eindringliche Behauptung von NOTUS der gesicherten Versorgung einer konkreten Anzahl von Haushaltungen mit Windstrom ist mithin unhaltbar und irreführend.
Denn das Stromnetz muss allzeit durch den Großteil der Stromproduktion mit konventionellen Kraftwerken abgesichert und stabil gehalten werden, was für die Stromproduktion mit Windenergieanlagen überdies hohe Systemkosten nach sich zieht. Wirtschaftliche und ausreichend große Stromspeicher sind bis heute noch in weiter Ferne.

Foto: Ervin Gjata

Minderwertiger Kiefernforst oder wertvoller Wald? Etwa 9.000 Bäume müssten für die Errichtung der Windenergieanlagen gefällt werden. Betreiber NOTUS beabsichtigt, an den Standorten 4,9 ha Laub- und Mischwald neu aufzuforsten und 2,1 ha Waldumbau vorzunehmen. Eines der Windräder würde sich jedoch auf einer Fläche befinden, die mit Steuermitteln neu aufgeforstet wurde.

Das Bürgerwindrad

Schon jetzt ist die Bereitschaft, sich privat für die Erzeugung „sauberer” Energie in Schwielowsee einzusetzen, sehr groß. Das beweist der „Initiativkreis Bürgerwind Schwielowsee“, der seit mehr als fünf Jahren am Projekt „Bürgerwindrad“ arbeitet. Neun Mitglieder wollen nun eine Betreibergesellschaft, die „Havelwind GmbH &Co. KG“, gründen, die 2021 ihren Betrieb aufnehmen soll, um eines der Windräder zu kaufen. Erst hatten die etwa 80 Mitstreiter – vom Windenergie-Ingenieur über den Biolandwirt, bis zum Juristen und Steuerberater – ein Genossenschaftsmodell favorisiert. „Diese Genossenschaft hätte jedoch von der Potsdamer Windkraftfirma NOTUS Energy, die den Windpark Dachsberg plant, eine „Betriebs GmbH &Co. KG“ erwerben müssen, um das Bürgerwindrad zu betreiben. Diese beiden verbundenen Gesellschaften zu betreiben und dauerhaft zu bewirtschaften, hat sich bei anderen Bürgerwindrad-Projekten als äußerst komplex herausgestellt.Der dafür zu leistende Aufwand – sowohl finanziell als auch zeitlich – steht beim Betrieb nur eines Windrades in keinem Verhältnis zum Ertrag, Nach mehrjähriger Prüfung hat deshalb der Initiativkreis entschieden, dass der einzig wirtschaftliche und mit den verfügbaren Kräften machbare Weg die direkte Gründung einer Betreibergesellschaft sein kann.“, erklärt der Caputher Thorsten Spehr (60), beruflich seit über 30 Jahren mit der Konstruktion und Begutachtung von Windenergieanlagen beschäftigt, als einer der designierten Geschäftsführer der geplanten Betreibergesellschaft. Bereits Anfang 2020 gab der Initiativkreis bekannt, einen Vorvertrag mit dem Anlagenerrichter NOTUS unterzeichnet zu haben. Zwar lässt sich zur Zeit kein genauer Kaufpreis nennen, jedoch wird von etwa acht Millionen Euro ausgegangen.
„Das Bürgerwindrad wird über Bankkredite und einen Eigenkapitalanteil finanziert. Der Großteil des Eigenkapitals in Höhe von circa 800.000 Euro wird in Form von privaten Einlagen gebildet. Jede Bürgerin und jeder Bürger kann sich beteiligen, vorzugsweise aus der Gemeinde Schwielowsee und der Region.” Auch wennThorsten Spehr überzeugt ist, dass sich das Bürgerwindrad finanziell für alle Beteiligten lohnen wird, eine Gewähr kann es natürlich nicht geben. „Da es sich um ein nachrangiges Darlehen handelt, ist ein gewisses unternehmerisches Risiko bei dieser Anlageform vorhanden. Im äußersten Fall einer Insolvenz des Bürgerwindrades könnte diese Einlage verloren sein.
Wir kennen andere Projekte gut und sind davon überzeugt, dass alle Beteiligten mit einer erfolgreichen Verzinsung ihres angelegten Geldes rechnen können.“
Beabsichtigt ist, aus den jährlichen Betriebserlösen bis zu 10.000 Euro für Klimaschutzprojekte zur Verfügungzu stellen.

Klimaschutz ist Naturschutz

NABU und BUND betrachten Klima- und Artenschutz als „zwei Seiten einer Medaille“ und Windenergie als wichtiges Element des Klimaschutzes. In einer gemeinsamen Erklärung von November 2020 haben die beiden Umweltschutzorganisationen sowie Greenpeace, WWF, DUH und der Umweltdachverband DNR mehr Planungssicherheit für den Ausbau der Windenergie gefordert. Konkret: Das Risiko einer Kollision gefährdeter Vogelarten oder von Fledermäusen mit den Rotoren von Windrädern über den Baumwipfeln eines Waldes ist einer der wichtigsten Artenschutz-Aspekte, die bei der Genehmigung von neuen Windanlagen zu berücksichtigen sind. Kollidieren hier Artenschutz und Klimaschutz miteinander?

Brandschutz: Die Anlagen sollen für die Feuerwehr über zwei Zufahrten erreichbar sein. Zur Begrenzung einer Brandausbreitung werden um die Anlagen Freiflächen geschaffen, die auch nach dem Bau erhalten bleiben. So soll ein Übergreifen eines Brandes auf den Wald oder vom Wald auf die WEA verhindert werden. Ein Gutachten empfiehlt im Falle eines Brandes „die WEA kontrolliert abbrennen zu lassen“.

Windenergieanlagen und Artenschutz

Auch NOTUS hat einen unabhängigen Gutachter beauftragen müssen um festzustellen, ob Bau und Betrieb der Anlagen Auswirkungen auf Graureiher, Seeadler, Rotmilan & Co. haben könnten. Besonders die streng geschützten Arten erfahren viel Aufmerksamkeit.
Wissenschaftliche Studien belegen, dass pro Jahr und Windanlage acht bis zehn sogenannte „Schlagopfer“ zu verzeichnen sind. Es gibt Anlagen, besonders in Waldgebieten, unter denen jährlich 20 bis 30 Schlagopfer, auch Greifvögel, gefunden werden. Christian C. Voigt, Leiter der Abteilung „Evolutionäre Okologie“ am Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, fasste diese aktuellen Erkenntnisse in seinem Buch „Evidenzbasierter Fledermausschutz in Windkraftvorhaben“ zusammen: „Wir haben es ja nicht nur mit Fledermäusen zu tun, sondern z. B. auch mit Insekten – und das ist ein Problem, was wir noch gar nicht angegangen haben. Dieser Insektentod an den Rotorblättern ist so massiv, dass es eine Service-Industrie gibt, um diese Insektenreste und Fragmente von den Rotorblättern zu entfernen.” Dass Fledermäuse eine wichtige ökologische Funktion erfüllen, indem sie viele Schadinsekten reduzieren, wird dabei oft übersehen. Sind also Windkraftanlagen im Wald ökologisch zweifelhaft?
Carla Reemtsma, Sprecherin der „Friday for Future“-Bewegung in Deutschland, meinte im November 2020 dazu: „Wenn man über Windkraft im Wald spricht, kann man nicht einfach ja oder nein sagen.“

Windenergieanlagen im Wald

Einer der wesentlichen Kritikpunkte bei der Planung der Fercher Windräder bezieht sich auf ökologische Aspekte.
Zwölf Tage nach der Beschlussfassung der Gemeindevertretung über die Errichtung der Windenergieanlagen verabschiedete die Europäische Union „Maßnahmen zum Schutz der Wälder“, da diesen eine Schlüsselrolle für den Klimaschutz zukomme. „Wälder beheimaten den größten Teil der biologischen Vielfalt der Erde“, heißt es dazu aus Brüssel. Besonders die Umwandlung von Wald in eine andere Nutzungsart gefährde den Bestand des Waldes.
Warum also soll im Bliesendorfer Wald gebaut werden? Der Grund scheint banal: Flächen um Windkraftanlagen zu bauen, sind knapp geworden.Es ist es also egal, wo die Windräder stehen — Hauptsache sie stehen überhaupt. Auch für NOTUS war entscheidend, „dass das Gebiet in der Bliesendorfer Heide ein ausgewiesenes Windeignungsgebiet (WEG 24) ist.“
Und der obersten Forstbehörde kann es nur recht sein, wenn der von den letzten Trockenjahren gezeichnete Kiefernbestand auf diese bequeme Art verjüngt werden kann.
Wie viele Bäume sind es eigentlich, die weichen sollen? Und ist es tatsächlich „minderwertiger Kiefernforst” wie Matthias Plöchl (61, Bündnis 90/Grüne, Dr. phil. nat.) in seiner Begründung, warum er für den Bau stimme, anführte? Sind es Bäume, die sowieso, aus forstlicher Sicht, in absehbarer  Zeit geschlagen werden müssten?
Das Vorhabengebiet umfasst eine 185 Hektar große Fläche — das ist etwa dreimal die Waldsiedlung Wildpark-West – wobei die der Gemeinde gehörende Waldfläche fast 9 Hektar umfasst.
Fachleute gehen bei einem Kiefernforst von einer ursprünglichen Bestockungsdichte von 1.000 Bäumen, für in der DDR besetzte Forste – und um einen solchen handelt es sich – von bis zu 10.000 Bäumen pro Hektar aus. Berücksichtigt man das Alter, den Bestockungsgrad und die Durchforstung, könnten 9.000 Bäume von den Fällungen betroffen sein.
Fast 90 % dieser Waldfläche unterliegen dabei einer „zeitweiligen“ Umwandlung, während 10 % der Fläche dann dauerhaft kein Wald mehr sein wird. 4O bis 60 Jahre dauert es, bis der Baumbestand durch Verjüngung den jetzigen Zustand wieder erreicht hat.
NOTUS erklärt dazu: „Neben der Wiederaufforstung (als Laub- und Mischwald) an den Standorten der WEA werden zusätzlich circa 49.000 m² Laub- und Mischwald neu aufgeforstet und circa 21.000 m² Waldumbau vorgenommen. Unterm Strich werden wir mehr Wald aufforsten, als wir für den Bau der WEA roden.” Eine detaillierte Nachfrage, wo genau der Laub- und Mischwald aufgeforstet werden oder der Waldumbau erfolgen soll, wurde leider nicht beantwortet.
Fraglich ist, ob Teile der „als ökologisch ‚minderwertigen Kiefernforst‘ bezeichneten Flächen”, möglicherweise gar nicht so ökologisch minderwertig sind, sondern erst vor rund 10 Jahren mit Steuergeldern im Zuge des Waldumbaus neu bepflanzt wurden. Sie gelten mittlerweile als ökologisch wertvoller Buchen-Mischwald.


Lautstärke: Windenergieanlagen verursachen in der Regel Lärm. Das Geräuschspektrum einer Vestas-Windenergieanlage wird oft als breitbandiges Rauschen beschrieben. Es gibt neben dem bekannten Rauschen der Blätter keine pulsierenden Schwankungen oder störenden Töne im Geräuschpegel.


Brandschutz

Die Gefahr eines von einer Windenergieanlage ausgehenden Brandes bildet ein erhebliches Risiko im Wald. Die Waldbrände in den 40 ha Kiefernforsten der Gemeinde Schwielowsee von 2018 sind vielen noch in Erinnerung.
Gemeindevertreter Ralf Ellguth (46, BBS, Angestellter), seit über 30 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr, fragte wenige Tage vor der Abstimmung des städtebaulichen Vertrags im Ausschuss für Bauen und Umwelt, „ob denn ein Brandschutzkonzept erarbeitet worden ist.“ Kerstin Murin, die Fachbereichsleiterin, konnte ihn beruhigen: „Ein Brandschutzkonzept ist erarbeitet.”
Das ist sachlich richtig. Der TÜV SÜD bestätigte schon in einem früheren Gutachten, dass die brandschutztechnischen Vorschriften bei den Windrädern Vestas V105-V150 eingehalten werden.
Brände in einer solchen Anlage können vielfältig entstehen: durch Reibungsenergie oder wenn ein Lichtbogen mit hoher Leistung nicht unter Kontrolle gebracht wird. Deshalb besitzen die Windräder u. a. Überschlagdetektoren, Blitzschutz sowie Rauch- und Feuermelder, auch sollen automatische Löschanlagen verbaut werden. Um Fehlalarme und damit Abschaltungen zu vermeiden,erfolgt jedoch erst dann eine Auslösung, wenn Detektoren Rauch und Wärme melden. Der Feuerwehr bleibt die Aufgabe vorbehalten z. B. beim Herunterfallen von brennenden Rotorflügeln, ein Ausbreiten des Feuers auf den Wald zu verhindern. Um Löschwasser vorzuhalten, sollen zudem zwei zusätzliche Löschbrunnen installiert werden.
Die mit dem Brandschutznachweis beauftragte HAGEN Ingenieurgesellschaft Brandschutz mbH aus Stralsund kommt in ihrem Gutachten von 2019 zum Schluss, dass im Falle eines Brandes der WEA (besonders des Maschinenhauses und der Rotorblätter) dieses „aufgrund der Höhe nicht gelöscht, sondern ein kontrolliertes Abbrennen unter Aufsicht der Feuerwehr bevorzugt” werden sollte.
In dem Gutachten wird darauf verwiesen, dass sich im Maschinenhaus u. a. etwa 1500 Liter Hydraulik- und Getriebeöle befinden. Um die Erfordernisse der Brandenburger Bauordnung in Bezug auf den Brandschutz zu erfüllen, wurden die WEA als Sonderbau eingeordnet.

Genehmigungsverfahren

Die Gemeinde Schwielowsee wird am Genehmigungsverfahren als Träger öffentlicher Belange beteiligt. Über Anträge zum Bau neuer Windenergieanlagen entscheiden das Brandenburgische Landesamt für Umwelt und die zuständigen Baubehörden. Der durch die Pandemie verschobene Erörterungstermin von September 2020 soll vom 20. Januar bis 10. Februar 2021 in Form einer Online-Konsultation, mit kombinierter Auslegung und Einsichtnahme, erfolgen. Die bisher erfolgten über 1400 Einwendungen durch betroffene Bürger waren vielfältig.
Beispielhaft seien unzureichender Brandschutz, Kampfmittelaltlasten, Geräusche der WEA, Gefährdung durch Infraschall, Belange des Baugrundgutachtens sowie die Auswirkungen auf den Wald, den Artenschutz und den Tourismus genannt.
Geplant ist der Betrieb der Anlagen laut NOTUS für circa 20 Jahre, danach sollen die Anlagen vollständig zurückgebaut und alle recycelbaren Materialien der Wiederverwendung zugeführt werden. „Die Fundamente und Kabel werden ebenfalls komplett zurückgebaut.”, so NOTUS. Für den vollständigen Rückbau inklusive Fundament soll eine Bürgschaft hinterlegt werden, bevor mit dem Bau begonnen wird.


Demonstration vorm Rathaus Ferch am 4. Dezember 2019: An etwa 100 Einwohnern der umliegenden Orte mussten die Gemeindevertreter vorbei, um den Sitzungsaal zu erreichen. U. a. lehnen Bliesendorf, Kanin, Glindow, Werder, Fichtenwalde, Busendorf, Kloster Lehnin und Klaistow die WEA ab. Auf Handzetteln (links) wurden die Einwohner informiert.

Protest der Umlandgemeinden

Wie Bürgermeisterin Kerstin Hoppe einem Fernsehteam des ZDF gestand, war sie „aufgeregt“, als sie erfuhr, dass vor der entscheidenden Gemeindevertretersitzung am 4. Dezember 2019 eine Demonstration von Gegnern der im Wald von Bliesendorf geplanten Windenergieanlagen stattfinden sollte. Die Initiatoren des Bürgerwindrades riefen ihrerseits in einer Rundmail dazu auf, Befürworter des Projektes zu suchen, um „der Öffentlichkeit zu zeigen, dass es nicht nur Windkraftgegner gibt.“
Kerstin Hoppe beklagte: „Nach so vielen Jahren, nach so vielen Debatten, nach so vielen Diskussionen in sieben Ausschüssen hätte jeder kommen können, doch es kam keiner!“
Das sehen die Vertreter der Nachbarorte aber ganz anders und auch Schwielowsees Gemeindevertreterin Heidemarie Ladner (73, SPD, Erzieherin) hätte sich, wie sie später während der Sitzung erklären wird, eine „enge Zusammenarbeit über die Gemeindegrenzen gewünscht“.
Das möchte Kerstin Hoppe so nicht stehenlassen. Ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit konnte „durch unterschiedliche Auffassungen bis hin zur Ablehnung” durch die Umlandgemeinden nicht aufrecht erhalten werden.
Waltraud Plarre (parteilos, 78, Dipl.-Wirtsch.-Ing.), Vorstandsmitglied der Naturschutz- und Umweltvereinigung Waldkleeblatt-Natürlich Zauche e. V., in der mehrere Bürgerinitiativen aus Potsdam-Mittelmark vertreten sind, meint: „Wir wissen um den Klimawandel, sehen auch die Notwendigkeit des Bemühens, ihn aufzuhalten. Doch wir tun einfach das Falsche, setzen z.B. die Windkraftbranche auf ein moralisches Podest, das ihr nicht gebührt – ohne Rücksicht auf die Natur und uns Menschen. Der Windkraftbranche geht es doch nur um Profit.“
Als dann am Abend vor dem Fercher Rathaus eine Demonstration von etwa 100 Einwohnern der Umlandgemeinden stattfindet, berichten mehrere Kamerateams darüber. CNN, CBC-Canada, auch ORF und ZDF sind vor Ort.
Dem deutschen Fernsehteam wird erlaubt, während der Sitzung zu filmen. Im Saal ist die Bürgerinitiative Wildpark-West die einzige Stimme,die auf die große Anzahl an geplanten Baumfällungen aufmerksam macht und die Abgeordneten auffordert, Beschlüssen nicht zuzustimmen, bei denen Wald- oder Naturflächen zerstört werden. „Erst die Umwelt zu zerstören, um dann mit den erwirtschafteten Mitteln Umweltprojekte zu fördern, halten wir nicht für zielführend.”
Pfarrer Baaske, Mitinitiator des Bürgerwindrades dagegen bedankt sich bereits vor der Abstimmung bei der Firma NOTUS, den Mitgliedern der Gremien und der Verwaltung. „Hiermit wird ein klarer Schritt gegen den Klimawandel getan.”
Im Sitzungssaal wird das eindeutige Ergebnis der Abstimmung, nur zwei VertreterInnen der SPD enthalten sich der Stimme, durch die Mitstreiter der Initiativgruppe Bürgerwind, mit Beifall bedacht.

Wie Kommunalpolitiker zum Bau der Windräder stehen

Wie Kommunalpolitiker zum Bau der Windräder stehen

Seit 2003 ist Sigmar Wilhelm (73, Freie Bürger) Glindows Ortsvorsteher. Er, der Gartenbau studiert hat und seit 1971 im Ortsteil Elisabethhöhe zu Hause ist, befürchtet erhebliche Auswirkungen auf die Natur, besonders auf die Tierwelt.

Auch für den Menschen seien die Auswirkungen beträchtlich. „Dieser Eingriff in den Waldbestand wird zu noch mehr Lärm durch die angrenzende Autobahn führen.“, meint er. Auch treibt ihn die Sorge um den Infraschall, der von den Befürwortern der Anlagen immer wieder verharmlost werde, obwohl es seriöse Studien zu diesem Thema gebe.

Besonders betroffen sei der südwestliche Teil von Glindow, die Klaistower Straße und Elisabethhöhe, wo die Belastungen für die Einwohner am größten sein werden. Ihn habe aus seinem Ort keiner angesprochen und er kenne auch keinen, der für die Windanlagen sei. Im Gegenteil: Viele Einwohner haben sich aktiv an den Protesten gegen den Bau der Anlagen, Protestmärschen und Petitionen beteiligt. Dass Ferch das ‚Vor-Ort-Problem‘ der Windenergieanlagen von sich einfach auf seine Nachbarn schiebt, findet er nicht gut. „Das hat mit Partnerschaft nichts zu tun, und das weiß Herr Büchner auch. Schon im Jahr 2012 hat sich der Ortsbeirat einstimmig gegen den Bau der Anlagen positioniert, ein Beschluss der auch heute noch Bestand hat“, sagt er.

Roland Büchner (60, BBS Schwielowsee), altgedienter Ortsvorsteher von Ferch und gestandener Feuerwehrmann, verweist darauf, dass sein Ortsbeirat dem Bauvorhaben einstimmig zugestimmt habe und dass 2014 durch die Gemeinde Schwielowsee im Flächennutzungsplan (FNP) ein, in seinen Ausmaßen begrenztes, Windeignungsgebiet ausgewiesen wurde.

„Die Befürchtung war, dass der FNP keine Zustimmung bekommt“, erinnert er sich. „Somit sind wir dem Regionalplan Berlin-Brandenburg zuvorgekommen, der eine viel größere Fläche als Windeignungsgebiet vorsah.“

Im übrigen sieht er den Bau der Windenergieanlagen positiv: „Ich habe dem Bauvorhaben zugestimmt. Dies ist einer unserer Beiträge zur Bekämpfung des Klimawandels. Wir können uns nicht nur hinstellen und sagen, wir müssen erneuerbare Energie produzieren, aber bitte nicht in meiner Nähe. Deutschland ist das einzige Land auf der Welt, das in absehbarer Zeit sowohl auf Atom als auch auf Kohle verzichten will. Da müssen Alternativen her. Diese können aber nicht bedeuten, wenn es mal knapp wird, dass wir den Strom woanders einkaufen der vielleicht dann wieder aus Atom oder Kohle produziert wird. Auch sehe ich in der Rodung der Monokultur Kiefer eine Chance den Waldumbau hin zu einem gesunden Mischwald, da ja Ausgleichsmaßnahmen erfolgen.

Trotz alledem wird es nicht an uns liegen, ob das Bauvorhaben auch so umgesetzt wird. Letztendlich entscheidet das zuständige Ministerium über eine Baugenehmigung. Uns war wichtig, dass das Windeignungsgebiet in der Fläche begrenzt und die Mindestabstände eingehalten werden.“ Die Beantwortung der Frage, inwieweit der Ort Ferch und seine Bewohnerinnen und Bewohner von dem Bauvorhaben profitieren, hänge von jedem Einzelnen ab.

„Die, die sich dafür interessieren, werden sicherlich eine Meinung haben. Die, die sich nicht dafür interessieren, haben auch keine Meinung dazu. Mir sind vereinzelte kritische Fragen gestellt worden. Argumente dafür oder dagegen gibt es reichlich. Trotzdem ist in Ferch das Interesse, gesehen an den Einwendungen gering.“, so seine Meinung. „Im Übrigen, Ihre Frage ist eigentlich falsch gestellt. Sie hätten fragen müssen inwieweit die Gemeinde Schwielowsee davon profitiert. Wir sind seit 2002 eine Gemeinde!“

Matthias Gedicke (Unabhängiges Kommunalbündnis) Ortsvorsteher von Busendorf, Kanin und Klaistow und sein Ortsbeirat dagegen unterstützen die Proteste gegen die Windräder im Wald und an der Grenze zum Kaniner Luch ausdrücklich. „Wir sind nicht grundsätzlich gegen Windräder, aber es dürfen keine Wälder abgeholzt werden oder in unmittelbarer Nähe des Kaniner Luch gebaut werden. Die drei sächsischen Dörfer Busendorf, Kanin und Klaistow liegen in der Mitte von WEG 24 und WEG 25. Und von Resau kann man schon das Kaniner Luch und unsere drei Dörfer sehen. Auch der Spargel-und Erlebnishof Klaistow und Spargelhof Busendorf sind unmittelbar betroffen. Wir profitieren also überhaupt nicht von den geplanten Bauvorhaben. Es muss auch andere Möglichkeiten geben, alternativen Strom zu erzeugen.“

Die Stadt Werder (Havel) verweist auf die Aussagen von Christian Große (CDU, 43, Politologe), 1. Beigeordneter, der feststellte, dass sich „die politischen Gremien unserer Stadt klar positioniert haben.“

Die Stadtverordneten der Blütenstadt haben sich mit großer Mehrheit gegen die Errichtung eines Windparks im Wald bei Bliesendorf ausgesprochen und sich der „Brandenburger Erklärung“ zur Wind- energie angeschlossen. Die unterzeichnenden Bürgermeisterinnen und Bürgermeister fordern darin unter anderem, die Regionalpläne hinsichtlich der Nutzung von Windenergie zu ändern. So sollen zu Wohnnutzungen ein Mindestabstand von 1500 Metern festgelegt und Windräder in Wäldern untersagt werden. „Erneuerbare Energie ist gewollt“, betont Christian Große, „aber mit Sinn und Verstand.“

Auch Eveline Kroll (59, Bankfachwirtin), seit 28 Jahren in Bliesendorf zu Hause und seit 2014 Ortsvorsteherin von Bliesendorf, lehnt wie der gesamte Ortsbeirat das Vorhaben ab.

„Der Kindergarten in Bliesendorf ist zwar 1000 m von den Windrädern entfernt, aber doch mit am stärksten beeinträchtigt durch Lärm und Zerstörung der natürlichen Umgebung sowie durch Infraschall. Die Bewohner von Bliesendorf profitieren von diesem Bauvorhaben gar nicht. Was Bliesendorf so lebenswert macht, ist die schöne Umgebung und die Natur. Viele junge Familien mit Kindern sind deswegen hierher gezogen.

Daher wehren sich die Bewohner auch seit acht Jahren gegen die Windräder vehement. Mit Geld kann man keine Gesundheit bzw. Lebensqualität kaufen und man sollte seine Heimat auch nicht verkaufen. 244 Meter hohe ‚Industriebauwerke‘ gehören nicht in einen intakten Wald, so wie er hier vor Ort vorhanden ist. Eine visuelle Entstellung des Landschaftsbildes und negative Auswirkungen auf den wichtigsten Wirtschaftsfaktor den Tourismus werden die Folge sein. Leider war es mir als Ortsvorsteherin, zusammen mit dem Ortsvorsteher unseres Nachbarortes Glindow, Herrn Wilhelm, zu keiner Zeit möglich, ein persönliches Gespräch mit der Bürgermeisterin von Schwielowsee, Frau Hoppe, zu führen, um unsere kritischen Bedenken zu dem Bauvorhaben vorzutragen.“

Kerstin Hoppe (CDU, 55) war vor ihrer Zeit als Bürgermeisterin von Schwielowsee, als Dipl-Ing. für Hochbau tätig.

Sie verweist auf den einstimmigen Beschluss, bei zwei Enthaltungen, der Gemeindevertretung Schwielowsee über den Vertrag mit NOTUS Energy Plan GmbH & Co vom 4. Dezember 2019.

 

Kommunalaufsicht wurde tätig

Im März 2020 überprüfte die Kommunalaufsicht, ob an der Abstimmung beteiligte Gemeindevertreter vom Bau der Anlagen profitieren könnten und damit die Abstimmung u.U. nach §22 BbgKVerf rechtswidig sein könnte. Aus einem der Redaktion vorliegenden Schreiben geht hervor, dass keine Anhaltspunkte gefunden wurden, dass „[ … ] Mitglieder des Initiativkreises auch Mitglied der Gemeindevertretung Schwielowsee sind. Die Abstimmung ist gültig.“

Wie den Sitzungsprotokollen der Gemeinde Schwielowsee zu entnehmen ist, hat jedoch möglicherweise ein Mitglied des Initiativkreises an der Abstimmung über die Beschlussfassung des Städtebaulichen Vertrags im Rahmen der Ortsbeiratsbeteiligung teilgenommen, wurde aber nicht
gemäß §22 BbgkKVerf von der Abstimmung ausgeschlossen. (Richtigstellung unten)

Klimapolitische Realitäten

Um Deutschland unabhängig von äußeren Einflüssen zu machen, die Klimaschutzziele zu erreichen und die Energiewende bezahlbar zu gestalten, müsste der Ausbau von erneuerbaren Energien jedoch
konsequent weiter verfolgt werden.
Wird dieses Ziel verfehlt- und derzeit ist es wahrscheinlicher, dass 2021 mehr Windenergieanlagen mit größerer Leistungsmenge vom Netz gehen, als neu errichtet werden – gehen Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich davon aus, dass grün importierter Strom bis 2050 das vierfache kostet, als der mit erneuerbaren Energien in Deutschland selbst erzeugte Strom.
So rechnen sie bei selbst erzeugtem Windstrom mit Kosten von 3,4 Cent/kWh und bei Solarstrom mit 6,6 Cent/kWh, während der importierte „grüne Wasserstoff”, als Energiespeicher, Kosten bis zu 12 Cent/kWh verursacht.
Setzt man also weiterhin nur auf den Import von (Öko)Strom, werden sich die Kosten für Verbraucher und Industrie merklich erhöhen.
Peter Altmaier (62, CDU), der Minister für Wirtschaft und Energie des Bundes, geht derzeit davon aus, dass es weiterhin notwendig sein wird, große Teile des Elektroenergiebedarfs importieren zu müssen.



 

Richtigstellung:

Stellungnahme von

Karl Heuer, Jahrgang 1956, Dipl. Agr. Ing., Baubiologe IBN, lebt seit 2014 in Ferch, seit 2019 Mitglied des Ortsbeirats Ferch für B90/Die Grünen, Mitbegründer der Klima-Initiative Schwielowsee e.V.:

Am 22.10.2019 wurde dem Ortsbeirat Ferch von der Verwaltung ein Nutzungsvertrag für die NOTUS energy Plan GmbH & Co.KG zur Beratung vorgelegt. Der Ortsbeirat hat einstimmig auch mit meiner Stimme, die unveränderte Weitergabe an die Ausschüsse empfohlen. Zu dem Zeitpunkt war ich nicht von der Abstimmung darüber auszuschließen, da ich in keiner Weise zu dem Initiativkreis der Bürgerwindanlage gehört habe.

Erst im April 2020 wurde ich vom Initiativkreis Bürgerwind angesprochen, ob ich an einer Mitarbeit interessiert sei. Am 29.4.2020 bin ich durch Beschluss vom Initiativkreis aufgenommen worden. 

Unabhängig davon bin ich seit Jahrzehnten davon überzeugt, dass ein starker Ausbau der Windkraft zur Energieerzeugung für eine Energiewende notwendig ist. Nach dem Super-Gau in Tschernobyl habe ich selbst mein Leben umgestellt und bin Biobauer aus Überzeugung geworden. Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima habe ich gehofft, dass auch der letzte Vertreter der Energiekonzerne verstanden hat, dass unsere Umwelt wichtiger ist, als die  Gewinnmaximierung.  Aber die Vertreter der Wirtschaft und viele Politiker scheinen immer noch überwiegend kurzfristig zu denken, nach dem Motto: „Nach mir die Sintflut“. Wir haben die Verantwortung für unsere Kinder und unsere Umwelt, nicht für die Konzerne. In jeder Stromrechnung sieht man an der EEG-Umlage, was uns die Erneuerbaren Energien kosten. Was gerne verschwiegen wird ist, dass die Folgekosten von Atomstrom und Kohlestrom vom Steuerzahler und unseren Nachkommen getragen werden und somit ungleich teurer werden.

 

4 Gedanken zu „Wie der Wind sich dreht

  1. Noch vor 3 Jahren war ich gegen WEA im Wald. Inzwischen bin ich ganz klar für WEA im Wald: weil ich sehe, wie sehr der Wald flächendeckend durch Trockenheit, Hitze und Waldbrände kaputtgeht. Erneuerbare Energien, auch WEA, sind ein Weg, die Erderwärmung einzudämmen und ganze Ökosysteme zu schützen. Es geht längst nicht mehr um den halben Hektar Bäume, die pro Windkraftanlage gefällt und genutzt werden – das CO2 bleibt übrigens auch in verbautem Holz gespeichert. Die gebauten Wege sind für die Feuerwehr von unschätzbarem Wert. Der den Firmen auferlegte Waldumbau hilft dem Wald wesentlich mehr, als ihm ein halber Hektar Lichtung pro WEA vermeintlich schadet. Das sage ich als Waldbesitzerin und Feuerwehrfrau und Biologin und Mutter.

    1. Der Wald steht auf Standorten, die für die Landwirtschaft wegen schlechter Böden oder schwieriger Nutzung (hier: Dünen) kaum geeignet sind. Die Wüstung Lütkendorf (heute in diesem Wald) wurde deswegen nach den spätmittelalterlichen Pestwellen verlassen. Ersatzaufforstungen nehmen Ackerboden in Anspruch. Im übrigen werden die langen Zuwegungen und Lagerplätze für den Bau (10-fache Fläche) bei Ersatzmaßnahmen nicht eingerechnet. An mindestens zwei geplanten WEA-Standorten + Zuwegung sind die Bäume (auch Buchen) ca. 40 Jahre alt, Das Holz wird als Hackschnitzel verbrannt – das CO2 wird sofort in der Luft befördert. Eva Bogda, Bliesendorf

      1. Um möglich viel Klimaschutz zu erreichen, brauchen wir den Zubau von Windenergie. In dem Windeignungsgebiet bis Beelitz ist der Bau von WEA bereits zu sehr verschleppt worden. Dort hätte man schon längst auf extensiv genutztem Ackerland viel erreichen können. Schwielowsee hat den Nutzen von Windenergie erkannt, wenn auch dadurch Bäume fallen. Allerdings fast ausschließlich Kiefern. Möglicherweise wird eine WEA nicht gebaut, oder die Planung dafür geändert, weil ökologisch besserer Wald betroffen wäre. Der Nutzen von Windenergieanlagen überwiegt bei weitem dem Schaden, wie auch im Artikel ober erkannt wird. Endlich wird großflächig Kiefern-Wald in ökologisch hochwertigen Wald umgewandelt. Dieser hat dann deutlich niedrigere Temperaturen als Kiefernforst und wesentlich niedrigere Verdunstungswerte. Und für jeden Fläche inklusive neuer Zuwegungen wird wieder eine Verjüngung bzw. Nachplanzung von der Forstbehörde eingefordert und kritisch begleitet. (Beitrag der Planungsfirma) Eingeschlagenes Holz wird selbstverständlich, wie bei jeder Forstnutzung, einer wirtschaftlichen Verwertung zugeführt.

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